Durchzogen von tiefer Melancholie scheint der Geist von Aufruhr und Eigenwilligkeit durch ihre teilweise komplexen Kompositionen hindurch. Vor allem dem Gesang wird viel Raum und Klang gegeben. Mit gewohnt archaischer Härte und Ironie lassen ihre Texte die ein- oder andere Träne gefrieren. Und der alltägliche Wahnsinn schlägt mit seiner Pranke rücksichtslos auf die jahrhundertelang aufgebauten musikalischen Harmoniestrukturen.
Ein außergewöhnlicher Mix: Tonia Reeh verbindet akustische Popmusik mit klassischer Moderne ohne das Gefühl von süßer Künstlichkeit zu hinterlassen. Wahrscheinlich ist es deswegen so schwer treffende Referenzen für sie zu finden. Mitunter erinnert die emotionale Tiefe ihres Gesangs an Künstler wie P.J. Harvey oder Diamanda Galás. Auch ihr Pianospiel ist einzigartig: trotz der Kombination klassischer und jazziger Elemente wird es durch die rhythmische Härte der Independent Rockmusik geprägt, die Tonia immer noch begeistert.
HAPPYKNIFE
WARNING
E: Frau Reeh, sie sind ja nicht mehr die Jüngste, was hat sie dazu veranlasst jetzt ein Klavier- Gesangs Album rauszubringen?
T: Naja , der Schein trügt...Ich bin etwas angenervt vom ganzen elektronischen Gekrösel und wie sie vielleicht wissen, habe ich die letzen Jahre hauptsächlich mit knarzenden und ballernden Synthesizern Musik gemacht. Und dabei ordentlich die Sau rausgelassen.
E: Heisst das , sie sind nun im sicheren Hafen angelangt?
T: Nun ja jeder Hafen ist ein Ort von dem man auch irgendwann wieder wegfahren kann,.und an dem auch Stürme oder Tsunamis einem seine Jolle gegen den Pier klatschen können. Es geht doch immer wieder um Schmerzen empfangen und verteilen. Mit mehr oder weniger Eindrücken im Gepäck.
E: Sie sind Berlinerin, inwiefern hat sie die Stadt inspiriert?
T: Zu diesem Album hat mich weniger die Stadt, als mehr mein sich wandelndes Innenleben inspiriert. Die Songs habe ich während meiner beiden letzten Schwangerschaften geschrieben.über einen Zeitraum von zwei Jahren immer mal zwischen Bundesliga und Nägelmachen.
E: Warum Klavier und Stimme?
T: Ich habe ein Klavier zu Hause rumstehen, und manchmal sieht es mich so traurig bittend an , dann drücke ich ein paar Tasten und singe dazu. Heraus kommt meistens ein Lied. Ausserdem ist Singen ausser Garten sprengen und Mercedes S- klasse zerkratzen mit das Tollste was es gibt.
E: Warum Boykiller?
T: Fühlst du dich angegriffen?
E: Nein, es interessiert mich inwiefern bei ihrer Kunst explizit bei diesem Album ein feministischer Ansatz dahintersteckt.
T: Haha lustig das sie beim beim Titel Boykiller an Feministinnen denken, die laufen doch auch nicht kleine Jungs mordend durch die Gegend , so von wegen, das Übel an der Wurzel ausmerzen. Was ist das überhaupt? Fragen sie mich lieber über die Musik, die ich mache.
E: Also wie würden sie diese stilistisch einordnen?
T: Ach je das ist doch ihre Aufgabe, aber wenn sie mir noch ein Bier ausgeben, na gut. Es ist Pop aber nicht der eklige, es ist Soul und auch Klassik, sicherlich ein bisschen Minimal Musik auch. Und ich singe wie ein Vögelchen. Hoch und klar oder mal wie ein heiseres Nilpferd. oder ein Rabe. SO zufrieden?
E: Naja, ..also ich dachte..noch über Inspirationen von ihnen...
T: ihm ins Wort fallend: Und ich fühlte mich als kleines Mädchen auch wie ein Boy, irgendwann passierte etwas , wo ich danach wusste: der Boy in mir ist tot. Schluss mit Lustig. Du bist Teil der Mühle. Gezeichnet als Frau, ob ich wollte oder nicht.

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